Bruno Gironcoli (1936, Villach–2010, Wien)
Sarkophag, 1977–1979/1986/2008
Aluminiumguss, Ed. 2
370 x 530 x 370 cm
Inv.-Nr. 2257

Die Arbeit "Sarkophag" des Kärntner Künstlers Bruno Gironcoli, die seit der Eröffnung des Museum Liaunig 2008 vor dem Eingangsbereich steht, sorgt aufgrund der vom Künstler verwendeten Symbolik und Formensprache immer wieder für Irritationen bei den Besucherinnen und Besuchern. Vor allem die zwei Swastika-Symbole auf der monumentalen Plastik aus dem Spätwerk des Künstlers werfen Fragen auf.

Gironcoli weist explizit darauf hin, dass es keine Verherrlichung des Nazi-Regimes ist, sondern macht darauf aufmerksam, dass das Hakenkreuz als indogermanisches Swastika-Symbol (im Sanskrit "Glücksbringer") eigentlich ein uraltes Glücks- und Schutzsymbol war, das die Nationalsozialisten aufgegriffen haben und das jetzt mit dieser Ideologie untrennbar verknüpft ist.

Der Titel lautet "Sarkophag" – "sarkophágos" bedeutet im Altgriechischen "Fleischfresser", und kann als Hinweis darauf hin verstanden werden, dass die menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus zu Grabe getragen werden soll.

Für die analytische Psychologie in der Tradition Carl Gustav Jungs gilt der Sarkophag als Ausdruck der bedrohlichen Seite des sogenannten "Mutter-Archetyps", also der zerstörenden und verschlingenden Mutter. Im Œuvre Gironcolis treffen wir immer wieder auf seine Auseinandersetzung mit der problematischen Familiengeschichte: Die Mutter verlässt die Familie als Bruno Gironcoli 11 Jahre alt war.

Die Grundform der Skulptur, ein ausgesprochen geschlossenes, stereometrisch schlichtes Volumen, erinnert an die "Kopfskulpturen", mit denen sich der Künstler Mitte der 1960er-Jahre zu beschäftigen begann und die als "Murphy" ihre Fortsetzung fanden. Der Künstler bezieht sich dabei auf Samuel Becketts Protagonisten Murphy, ein Symbol für den Antihelden, dessen grundlegende Merkmale Unbeweglichkeit, Untätigkeit und Abschottung von der Welt sind. Die Figur des Murphy ist eine wiederkehrende Gestalt in Gironcolis Werk – ihre Form taucht in verschiedenen Varianten und Verkleidungen auf, in Skulpturen und auf Papier, bis hin zu seinem Spätwerk. Und wo immer Murphy auftaucht, finden an ihm oder um ihn herum Metamorphosen statt, wie sie sonst nur die Natur zu bieten hat. Letztendlich kann man diese Form als paradoxes Symbol für das unvereinbare Nebeneinander von Freiheit und Zwang, Entwicklung und Stillstand, Leben und Tod verstehen.

Das Embryo-Symbol, das seitlich an der Arbeit angebracht ist, verweist auf die Wiedergeburt / Renaissance und die Kornähren, die er ebenfalls verwendet, sieht er als Symbol der Nahrung und des Lebens.

Schließlich kann man dieses Werk, das die Neugier der Museumsbesucherinnen und -besucher weckt, als Symbol der Ewigkeit verstehen, aus dem zugleich auch Leben erwächst. An der Seite entsteht aus der röhrenartigen Form eine winzige embryonale Gestalt, die kaum größer ist als ein Hakenkreuz, sich aber durch ihr Strampeln gegen die archaisch wirkende, monumentale Figur auflehnt.

Maja Vute